Spielend für Toleranz

Spiele verleben ihr Dasein seit jeher über alle ethnischen und Ländergrenzen hinweg. Eines der großen ikonischen Spiele – vielleicht sogar das ikonischste überhaupt – ist Schach, das seinen Namen von jener Figur erhielt, durch die das Spiel gewonnen oder verloren wird: durch den König – oder vielmehr sein persisches Äquivalent, den Schah (شاه). Vermutlich liegt die Wurzel des Schachspiels im Norden Indiens, von wo es sich in Richtung Osten nach Asien verbreitete (vgl. das chin. Xiangqi) und nach Westen in Richtung Persien. Die Arabische Expansion brachte das Spiel schließlich auch nach Europa.

Schach ist übrigens eines der ersten Spiele, die nicht nur die Spezies Mensch, sondern bereits die Spezies Maschine spielte: der Schachcomputer – z.B. der berühmte Computer Belle aus den 70er Jahren.

Und vergessen wir nicht denkwürdige Zusammentreffen zwischen dem Westen und der Sowjetunion – in Form von legendären Schachspielen wie dem sog. Match des Jahrhunderts, als der US-amerikanische Bobby Fisher und der russisches Boris Spasski aufeinandertrafen.

Spiele kommen oft ohne Sprache aus und ermöglichen Begegnung über Sprachbarrieren hinweg. Spiele lassen sich nicht in vermeintliche kulturelle Grenzen sperren. Spiele sind seit jeher Teil des weltweiten Kulturtransfers.

Das persische Schach, das indische Pachisi (bei uns bekannt als die Variante Mensch-ärgere-dich-nicht) oder Gygax‘ und Arnesons Dungeons & Dragons, das 1974 auf den Markt kam: Keines dieser Spiele ließ sich in den engen Rahmen von Nationen halten. Und denken wir auch im digitalen Spiel an den bunten Mix von Nationalitäten, der sich auf den WOW-Servern tummelt, wo japanischer Nachtelf und isländischer Taure Seite an Seite die Questen bestreiten.

Das gemeinsame Spielen zeigt auf, dass wir, wo immer wir geboren werden oder uns gerade befinden, wie immer auch unsere Sozialisation aussehen mag, wesentliche Unterschiede in Bedürfnis, Freud, Leid, Vergnügen, Missvergnügen und gemeinschaftlichem Agieren nicht zu finden sind. Unterschiede spielen keine Rolle, die Muttersprache spielt keine Rolle, sitzt man gemeinsam am Schachbrett. Und alle Unterschiede sind erst recht auch dann zu vernachlässigen, wenn man momentan sowieso eher Ork als Österreicher ist.

Spielen lehrt uns viel. Spielen lässt uns gefahrlos probehandeln und in Strategie, Herausforderung, Auseinandersetzung oder dem Nervenkitzel des Zufalls ausgeliefert Urinstinkte ansprechen und Erfahrungen machen, die wir alle ohne Unterschied erleben können.

Die Dynamik des Spiels ist ein Beispiel dafür, was immer und überall gilt: Wir sind uns nicht ähnlich, sondern alle im Kern völlig gleich. Wir leben dieselben Bedürfnisse aus, erleiden dieselben Verluste und spielen dieselben Spiele. Und ab und zu gewinnen wir. Und dann erleben wir alle dieselbe Freude. Grenzen gibt es nicht – nur die fiktiven des Schachbretts und die irrealen unseres eigenen Verstandes.